Elektrolyseure werden gefördert. Infrastruktur wird gefördert. Fahrzeuge und industrielle Anwendungen werden gefördert. Trotzdem bleibt das bekannte Henne-Ei-Problem: Produzenten brauchen verlässliche Abnehmer, Abnehmer kalkulierbare Preise, Infrastrukturen ausreichende Mengen und Finanzierer belastbare Cashflows.
Jeder Akteur verhält sich dabei für sich genommen rational. In Summe kann daraus dennoch Stillstand entstehen. Genau deshalb lohnt es sich, die aktuelle Diskussion über Wasserstoff-CfDs, Garantieinstrumente und Midstreamer genauer anzusehen.
Das Problem liegt zwischen den Projekten
Eine geförderte Anlage ist noch kein Markt. Selbst wenn Erzeugung, Leitungen und industrielle Umstellungen jeweils technisch funktionieren, müssen Mengen, Preise, Laufzeiten und Risiken zueinanderpassen.
In der frühen Marktphase ist das besonders schwierig. Produzenten benötigen lange Abnahmeverträge, um Investitionen finanzieren zu können. Industrielle Kunden wollen sich bei unsicheren Preisentwicklungen häufig nicht ebenso lange binden. Netze und Speicher rechnen sich erst bei ausreichender Auslastung. Und Banken bewerten genau diese offenen Liefer- und Abnahmerisiken.
Der VIK beschreibt deshalb nicht nur eine Kostenlücke, sondern auch Unterschiede bei Vertragslaufzeiten sowie Preis-, Mengen-, Unternehmens- und Marktrisiken. Bestehende Förderprogramme hätten wichtige Impulse gesetzt, griffen aber häufig punktuell und nicht immer kompatibel ineinander.
Was Wasserstoff-CfDs leisten könnten
Ein Contract for Difference, kurz CfD, soll eine definierte Differenz zwischen einem Referenzwert und einem vereinbarten Zielwert ausgleichen. In der aktuellen Verbändediskussion geht es darum, die Wirtschaftlichkeitslücke zwischen den Kosten der Wasserstoffbereitstellung und der begrenzten Zahlungsbereitschaft industrieller Abnehmer zu überbrücken.
Der interessante Perspektivwechsel lautet: Nicht automatisch die nächste Einzelanlage fördern, sondern gezielt die Lücke schließen, die verhindert, dass Angebot und Nachfrage zusammenfinden. Das gemeinsame Papier von BDEW, BdWR, DVGW, EIWA und VIK fordert dafür einen eigenen Haushaltstitel für Wasserstoff-CfDs im Bundeshaushalt 2027.
Damit ist noch kein Instrument beschlossen. Und ein Wasserstoff-CfD ist nicht dasselbe wie die bereits eingesetzten CO₂-Differenzverträge für industrielle Klimaschutzprojekte. Die Diskussion zeigt aber, dass Förderung stärker an funktionierenden Lieferbeziehungen und an der gesamten Wertschöpfungskette ansetzen könnte.
Warum der Midstreamer-Ansatz spannend ist
Noch interessanter wird die Idee in Verbindung mit einem Wasserstoff-Midstreamer. Ein solcher Intermediär könnte langfristig Wasserstoff bei mehreren Produzenten beschaffen, Mengen bündeln und Risiken über ein Portfolio verteilen. Auf der Absatzseite könnten unterschiedliche Abnehmer, wettbewerbliche Verkaufsmechanismen und bedarfsgerechte Vertragslaufzeiten stehen.
Damit müsste nicht mehr jeder Produzent exakt den einen Kunden finden, der über viele Jahre genau seine Mengen-, Preis- und Risikostruktur akzeptiert. Der Midstreamer würde nicht zwingend die Infrastruktur selbst betreiben. Seine Aufgabe läge vielmehr darin, zwischen Erzeugung und Abnahme zu koordinieren, Fristen zu transformieren und Risiken handhabbarer zu machen.
Aus vielen bilateralen Henne-Ei-Problemen könnte so schrittweise ein Markt entstehen. Das ist der eigentliche Reiz des Ansatzes: Er betrachtet nicht nur Projekte, sondern deren wirtschaftliche Verbindung.
Erzeugung, Infrastruktur, Handel und Abnahme zusammendenken
Ein Wasserstoffmarkt entsteht nicht dadurch, dass möglichst viele einzelne Anlagen gebaut werden. Er entsteht, wenn die Kette wirtschaftlich funktioniert:
Erzeugung → Infrastruktur → Handel → Abnahme
Ein Elektrolyseur ohne belastbaren Absatz ist noch kein Wasserstoffmarkt. Eine Pipeline ohne ausreichende Mengen ebenfalls nicht. Und ein industrieller Abnehmer kann seine Produktion nur umstellen, wenn Verfügbarkeit, Qualität und Preise über einen belastbaren Zeitraum planbar sind.
Der Erfolg von Förderung sollte deshalb nicht allein daran gemessen werden, wie viele Projekte einen Bescheid erhalten oder wie viel Kapazität angekündigt wurde. Wichtiger ist, ob daraus tatsächlich handelbare Mengen, tragfähige Lieferverträge, ausgelastete Infrastruktur und investitionsfähige Geschäftsmodelle entstehen.
CfDs sind kein Selbstläufer
Die Grundidee überzeugt mich. Ihre Wirkung hängt aber vollständig von der Ausgestaltung ab. Mindestens fünf Punkte sind entscheidend:
- Referenzpreise: Sie müssen nachvollziehbar sein und reale Marktbedingungen abbilden.
- Wettbewerb: Beschaffung und Verkauf sollten wettbewerblich organisiert werden, damit Förderung effizient bleibt.
- Laufzeiten: Sie müssen Investitionen ermöglichen, dürfen aber neue Marktteilnehmer nicht dauerhaft ausschließen.
- Garantieinstrumente: Staatliche Absicherung sollte klar begrenzte Risiken adressieren, nicht jedes unternehmerische Risiko übernehmen.
- Ausstieg: Die Förderung muss sinken oder enden, sobald Kosten, Zahlungsbereitschaft und Marktliquidität ausreichend zusammenfinden.
Hinzu kommen Fragen nach Technologieoffenheit, Herkunft und Qualität des Wasserstoffs, beihilferechtlicher Zulässigkeit, Zugang für mittelständische Unternehmen und der Vermeidung von Überförderung. Ein Midstreamer darf zudem nicht zum intransparenten Dauermonopol werden.
Mein Fazit: Den Markt dazwischen fördern
Wertschöpfungsketten statt isolierter Einzelprojekte. Märkte statt Anlagen. Temporäre Risikoabsicherung statt dauerhafter Subventionierung.
Das ist für mich die richtige Richtung. Nicht, weil CfDs oder Midstreamer ein Förder-Wundermittel wären. Sondern weil sie dort ansetzen, wo der Wasserstoffhochlauf derzeit besonders häufig scheitert: zwischen technisch möglichen Projekten und wirtschaftlich tragfähigen Transaktionen.
Vielleicht sollten wir den Erfolg der Wasserstoffförderung künftig weniger daran messen, wie viele Projekte gefördert wurden – sondern daran, wie viel funktionierender Markt dadurch entstanden ist.
Dieser Beitrag ist eine persönliche fachliche Einordnung von Frank Hägele.
Stand der Einordnung: 20. September 2026 · Quellenlage geprüft am 20. September 2026.
Quellen und weiterführende Informationen
Quellen geprüft am 20. September 2026. Die Vorschläge zu Wasserstoff-CfDs und Midstreamern befinden sich in der politischen und fachlichen Diskussion.
- VIK, 09.09.2026: Verbändebündnis fordert Titel für Wasserstoff-CfDs im Bundeshaushalt 2027
- BDEW, BdWR, DVGW, EIWA und VIK, 18.08.2026: Wasserstoffhochlauf jetzt absichern
- VIK, 08.01.2026: Wasserstoff-Midstreamer als zentrales Förderinstrument
- VIK, 25.03.2026: Wasserstoffhochlauf braucht klare politische Entscheidungen
- Deutscher Bundestag, Lobbyregister: Differenzkostenverträge und Garantieinstrumente für den Wasserstoffhochlauf
Kurz erklärt
Was ist ein Wasserstoff-CfD?
Ein Wasserstoff-CfD ist ein vorgeschlagener Differenzkostenvertrag, der zeitlich begrenzt die Lücke zwischen den Kosten der Wasserstoffbereitstellung und der Zahlungsbereitschaft der Abnehmer ausgleichen soll.
Welche Rolle könnte ein Wasserstoff-Midstreamer übernehmen?
Ein Midstreamer könnte Wasserstoff langfristig beschaffen, Mengen mehrerer Produzenten bündeln und über unterschiedliche Abnehmer, Vertragslaufzeiten und Absatzwege vermarkten. Dadurch würden Preis-, Mengen- und Laufzeitrisiken nicht mehr ausschließlich in einzelnen bilateralen Verträgen liegen.
Worauf kommt es bei der Ausgestaltung an?
Referenzpreise, Laufzeiten, wettbewerbliche Vergabe, staatliche Garantien, Transparenz und Schutz vor Überförderung müssen zusammenpassen. Das Instrument sollte den Übergang in einen selbsttragenden Markt vorbereiten und nicht dauerhaft ersetzen.
